Ennstal Classic

Der ganz normale Reini Sampl

Ab dem zweiten Tag der Ennstal-Classic hatte Andi Aigner einen prominenten Navigator: Reini Sampl – ein Sportler mit 2.007.415 Haaren und noch mehr Lebensfreude…
 
Text: Michael Noir Trawniczek
 
2.007.41 5 Stück Haare, im Sternzeichen „Schütze mit Aszendent furchtlos“, Größe „sitzend 1,35 Meter“, Gewicht mit Rollstuhl 80 kg – der Steckbrief von Reini Sampl auf dessen Website zeugt von einer großen Portion Humor und Lebensfreude, zugleich dokumentiert er einen – vermeintlich – großen Einschnitt im Leben des damals 24-jährigen Skirennläufers, als er sich 1996 bei einem Trainingssturz eine Fraktur von zwei Wirbeln zuzog und hernach im Rollstuhl landete.
Warum es ein vermeintlich großer Einschnitt in seinem Leben war? Reini Sampl sitzt in der Kantine des Ennstal-Classic Headquarters und erklärt: „Natürlich war es zunächst einmal ein Einschnitt in meinem Leben, doch dann habe ich einfach wieder die Dinge gemacht, die auch vor dem Unfall mein Leben ausgemacht haben.“ So bestreitet Sampl in den Jahren nach dem Unfall höchst erfolgreich Weltcup- und WM-Monoskirennen, gewinnt Handbikerennen, stellt mit dem Bike einen Weltrekord auf, gründet eine Fotoagentur für Models im Rollstuhl, startet mit xampl eine eigene Fashionline für Menschen im Rollstuhl, startet beim Ironman, wird Europas erster behinderter Fahrtechniktrainer für Nichtbehinderte, gründet ein Vitalcenter und dazwischen verletzt er sich mehrmals bei seinen Sporteinsätzen…
2011 startet er im knochenharten Erzbergrodeo mit einem auf Handgas umgebauten KTM-Quad – seit Neuestem zieht es den Salzburger in den Rallyesport. Andi Aigner, der PWRC Rallye-Weltmeister des Jahres 2008 berät ihn, ein Serien-Mitsubishi Lancer Evo X wird nach dem in Österreich geltenden M1-Serienreglement umgebaut, die Oberste Nationale Sportkommission (OSK) erteilt eine Sondergenehmigung, so konnte Sampl bei der Kärnten-Rallye debütieren. Er sagt: „Die OSK ist uns sehr entgegengekommen – ich denke auch, dass es für beide Seiten eine Win/Win-Situation ist, da ich auch neue Leute anspreche und bei ihnen das Interesse für den Rallyesport wecke.“

Das ganzheitlichste Autofahren

Den Motorsportvirus trägt Reini Sampl schon lange in sich, wie er verrät: „Ich war schon immer vom Motorsport begeistert – aber jetzt möchte ich selbst aktiv sein, es ist eine große Leidenschaft. Mich interessiert auch die Rundstrecke – aber der Rallyesport ist für mich das ganzheitlichste Autofahren überhaupt. Du fährst auf keiner Rennstrecke, sondern auf normalen Straßen – jeder, der glaubt, dass er ein schneller Autofahrer ist, sollte einmal mit einem Rallyepiloten mitfahren, da kann er den Unterschied sehen.“
Die Sonderprüfungen im Rallyesport können bis zu 50 Kilometer lang sein – der Pilot muss sich auf den Aufschrieb verlassen, den er seinem Beifahrer bei der Besichtigung diktiert und von diesem dann im Bewerb vorgelesen wird. Sampl sagt: „Der Schrieb macht sehr viel aus im Rallyesport – hier kannst du nur lernen, hier zählt die Erfahrung. Ich fahre natürlich in erster Linie, weil es Spaß bereitet – dennoch habe ich einen professionellen Zugang und ich möchte auch so schnell wie möglich fahren.“ Die nächsten Einsätze werden in der Rallye-Staatsmeisterschaft absolviert, bei der Weiz- und der Admont-Rallye.

Respekt vor der Gefahr

Angst vor einem Unfall hat Reini Sampl nicht. Dass er bereits schmerzhafte Erfahrungen machen musste, kann er, wie er sagt, „ausblenden“. Sampl fügt hinzu: „Das klingt vielleicht hart, aber du musst dich in jedem Sport fokussieren – sobald du im Cockpit daran denkst, dass du dir dabei weh tun könntest, solltest du nicht mehr fahren. Ich habe aber sehr wohl Respekt vor der Gefahr.“
Dass er nach seinem schweren Unfall dermaßen aktiv wurde, ist für Reini Sampl ganz normal: „Ich bin ja der gleiche Reini Sampl geblieben und habe nach dem Unfall nur das gemacht, was ich auch vorher schon machen wollte.“ Sportidole wie Alex Zanardi oder Robert Kubica werden von vielen Menschen bewundert, weil sie sich von ihrer Behinderung nicht aufhalten ließen oder im Gegenteil sogar erst recht losgelegt haben. Sampl nickt: „Manche schieben den Rollstuhl vor, als eine Entschuldigung dafür, dass sie sich hängen lassen – doch in Wahrheit hätten diese Menschen auch ohne Behinderung aufgegeben. Kubica und Zanardi zum Beispiel sind dem Tod wirklich von der Schaufel gesprungen. Eines stimmt daher sicher: Durch die Behinderung lernst du zu schätzen, dass du am Leben bist.“

Foto: Ennstal-Classic / Martin Huber
Text: Michael Noir Trawniczek
 

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