Ennstal-Classic 2012

Wissenswertes & Kurioses

Was ist eine Rallye? Wie wird der vorgegebene Schnitt von 50 km/h überprüft? Warum können 50 km/h gefährlich sein? Und warum kann das Fenster geschlossen bleiben, obwohl auf dem Schild „Window open“ steht? Alle Fakten zur Ennstal-Classic, garniert mit ein paar Leckerbissen aus den letzten 20 Jahren.

von Michael Noir Trawniczek

Beginnen wir beim Ursprung: Die Ennstal-Classic ist eine Rallye ist eine Oldtimer-Rallye ist eine Gleichmäßigkeits-Rallye. Doch was ist eigentlich eine Rallye? Laut Duden handelt es sich um einen „Wettbewerb für serienmäßig hergestellte Kraftfahrzeuge in einer oder mehreren Etappen mit verschiedenen Sonderprüfungen“.

Das Wort „Rallye“ stammt vom französischen „rallier“, das wiederum setzt sich zusammen aus „re-„ und „alliieren“ und bedeutet nichts anderes als „Zusammenkunft“. Konkret ist damit jene Zusammenkunft gemeint, die es nach den ersten Autorennen, die in Form von Sternfahrten abgehalten wurden, jeweils am Zielort gab. Das Prinzip blieb bis heute erhalten: Manche nehmen die Strapazen einer Oldtimer-Rallye lediglich deshalb auf sich, weil sie am Ende wieder mit Freunden und Kollegen zusammentreffen, um einander von dem großen Abenteuer in den Bergen zu berichten.

Das Prinzip der Gleichmäßigkeit bedeutet, dass eine vorgegebene Durchschnittsgeschwindigkeit eingehalten werden muss – bei der Ennstal-Classic beträgt dieser Schnitt genau 50 km/h.

Auch die Gleichmäßigkeitsfahrten haben ihren Ursprung im Rallyesport: Zwischen 1920 und 1930 wurde begonnen, quasi „auf Schnitt“ zu fahren, wenngleich dieser höher angelegt war – und erst Mitte der 1960er-Jahre wechselte der Rallyesport zu den heutigen Bestzeit-Sonderprüfungen. Die Oldtimer-Szene bediente sich der Gleichmäßigkeit, um die wertvollen Automobile zu schonen. Jede Überschreitung des Schnitts wird pro Hundertstelsekunde mit einem Strafpunkt „geahndet“ – wer am Ende die wenigsten Strafpunkte auf dem Konto hat, ist der Sieger. Überwacht wird die Einhaltung des Schnitts vom Navigator auf dem Beifahrersitz. Viele sagen: Er oder sie hat in Wahrheit „die Hosen an“…

Beinahe Frau über Bord
Wer nun glaubt, ein Schnitt von 50 km/h sei langweilig, der soll einmal versuchen, diesen auf einer kurvigen Bergstraße einzuhalten – mitunter kann das sogar gefährlich werden. Das Ehepaar Christian und Margot Bayer setzt seit einiger Zeit auf ein Vorkriegsmodell, eine offene Lea Francis B-Type aus dem Jahr 1927. Während sich das Ehepaar im Winter bei der kongenialen Planai-Classic, bei Minusgraden selbstquälerisch dem klirrend kalten Fahrtwind aussetzt und zuvor den gesamten Körper mit Wärmegelpacks beklebt, haben sie 2011 bei der Ennstal-Classic auf ein geschlossenes Modell zurückgewechselt.

Christian Bayer erzählt: „Meine Frau und Navigatorin ist 2010 in einer der Kehren beinahe aus dem Auto gefallen. Ich habe sie gerade noch festhalten können – denn sie selbst hatte ja die Schnitttabelle und die Stoppuhr in den Händen. Wir wissen nicht, ob sie wirklich rausgefallen wäre, wenn ich sie nicht festgehalten hätte – aber sie hat nachher gesagt, dass sie im Sommer nicht mehr mit der Lea Francis fahren möchte.“

Der Hintergrund: Bei der Planai-Classic beträgt der Schnitt nur 40 km/h, der Unterschied zu den 50 km/h sei immens, bestätigt Margot Bayer. „Vor allem in den Kehren und vor allem in der Lea Francis. Du hast ja nur eine Holzbank – und es ist nicht möglich, Gurte einzubauen, ohne den Wagen allzu sehr zu verändern. Außerdem springt das Auto im Sommer viel mehr, wegen der Hitze.“

Zurück ins analoge Zeitalter
Die Gleichmäßigkeit wird natürlich überprüft, per Lichtschranken, es gibt angekündigte und versteckte Zeitkontrollen. Die Gleichmäßigkeit wäre für die Teilnehmer kein Problem, hätte man elektronische Hilfsmittel im Auto oder an der Hand – doch genau deshalb sind sie auch verboten, strengstens verboten sogar. „Berührungslose Sensoren“ heißt das Zauberwort.

Helmut Zwickl, der die Ennstal-Classic gemeinsam mit Michael Glöckner ins Leben gerufen hat, berichtet: „Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, dass wir jeden ausschließen, der mit elektronischen Hilfsmitteln erwischt wird. Doch früher fanden unsere Techniker immer wieder Kabel in den Autos, die zu Fahrradcomputer führten, sie fanden berührungslose Sensoren an den Wellen.“

Wohl aber sind mechanische Wegstreckenzähler, analoge Stoppuhren und sogenannte Schnitt-Tabellen erlaubt – man könnte sagen: Zumindest im Auto wird bei der Ennstal-Classic die Zeit gehörig zurückgedreht, ins analoge Zeitalter nämlich, während die Zeitnahme immer besser, mit neuestem elektronischem Equipment ausgerüstet wird.

Die analogen Zeitstreckenmessgeräte wie der Tripmaster der Firma Halda erlebten eine Renaissance – und stiegen im Preis. Heute bekommt man ein solches Gerät nicht mehr unter 2.000 Euro. Damit die analogen Messgeräte optimal arbeiten, pumpen Spitzfindige sogar Stickstoff in die Reifen. Der Hintergrund: Der Stickstoff dehnt sich mehr aus als reine Luft, somit bleibt der Reifendruck konstant, die gemessenen Werte bleiben verlässlich.

Dummy-Lichtschranken
Oft aber sind es simple Tricks, die angewandt werden – auf beiden Seiten. Manche lassen vor der Sonderprüfung ein Vorausauto die Strecke entlang fahren – der  Pilot hat die Aufgabe, dem Teilnehmer die genauen Positionen der Lichtschranken, es sind jeweils zwei, mitzuteilen. Zwickl zuckt mit den Achseln: „Wir haben begonnen, Dummy-Lichtschranken aufzustellen. Das funktioniert sehr gut.“

So gut sogar, dass es immer wieder zu Geschichten wie dieser kommt: „Ein Austin Healey-Pilot hat nach einer Dummy-Lichtschranke geglaubt, er sei bereits durch – er blieb stehen, stieg aus und rauchte sich eine Zigarette an.“ In Wahrheit stand er aber exakt zwischen den beiden Mess-Lichtschranken – der Zeitnehmer, der hinter einem Gebüsch versteckt saß, konnte es nicht fassen. Lachend erzählte der Funktionier nachher: „Ich habe ihm zwei Züge an seiner Zigarette lassen, dann kam ich aus meinem Gebüsch heraus und habe ihn aufgeklärt.“

Taschenrechnerkontrolle
Weil Kopfrechnen mitunter auch zu Kopfschmerzen führt, haben sich die Veranstalter erbarmt und Taschenrechner zugelassen. Allerdings sind nur einfache Taschenrechner erlaubt. Jederzeit, am Start oder auch danach, kann es heißen: “Guten Tag, Taschenrechnerkontrolle!“

Damit die Teilnehmer nicht die gesamte Strecke auf den Schnitt achten müssen und auch wirklich das „Autofahren im letzten Paradies“ genießen können – der Marathon beispielsweise beträgt 486 Kilometer – werden die Messzonen mit dem Schild „Window open“ angekündigt, dieses Schild bedeutet: In 500 Metern bis zu einem Kilometer kann eine Messung erfolgen. Am Ende der Messzone, nach der zweiten Lichtschranke werden die Teilnehmer mit dem Schild „Window closed“ quasi wieder aus ihrer Schnittverantwortlichkeit entlassen.

Knochentrocken erzählt Helmut Zwickl die Geschichte von jenem Mann, der nach dem Schild „Window open“ zur Seite fuhr: „Er blieb stehen und hat das Fenster runtergekurbelt.“ Und wäre er nicht von einem der freundlichen ehrenamtlichen Helfer der Ennstal-Classic aufgeklärt worden, würde er vielleicht noch heute dort stehen, mit dem offenen Fenster, im „letzten Paradies“…
 

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